Niemand war schon immer da

Die AIDS-Hilfe Offenbach e.V. ist eine „Einwanderungs-AIDS-Hilfe“

Bei uns geht es so zu, wie es insbesondere in der Stadt aber auch in den Kreisgemeinden unseres Einzugsbereiches zugeht: Wir sind eine „Einwanderungs-AIDS-Hilfe“. Über 75% der von uns derzeit (Stand 8/2014) regelmäßig betreuten und unterstützten Menschen sind in jüngerer Zeit eingewanderte Menschen. Bei über 15% liegt der Anteil bei Beratungs- und Testanfragen. Fragen und Probleme, die sich aus der Lebensgeschichte einer Einwanderung im Kontext HIV und anderer Infektionen ergeben, sind bei uns der Normalfall.

Natürlich prägt dieser Umstand unseren Alltag, unsere Angebote und uns selbst: Interkulturelles Leben und Verhalten gehören bei uns nicht zu irgendeiner spezifischen Qualifikation sondern zur Normalität unseres täglichen Miteinanders. Die besonderen Tabus und Ängste der Entdeckung und Indiskretion im Rahmen der rückblickenden Erfahrung und der Einwanderungs-Communities erfordern unbedingte Aufmerksamkeit, wenn aus diesen Gründen Therapien schief laufen oder die Kommunikation aus Angst oder Scham abgebrochen wird. Die besonderen Haltungen, die daher rühren, benötigen Respekt und häufig auch mehr Zeit im Rahmen von Beratung und Testanfragen. Die Situation von Kindern in den Familien infizierter eingewanderter Mütter erfordert eine besondere Sorge um deren stabile Entwicklungsmöglichkeiten. Auch die Bedeutung der Kontakte zur Familie im Herkunftsland und ihren Erwartungen verlangen immer wieder Berücksichtigung, um die Lebenslage insgesamt zu verstehen. Nicht zuletzt prägt auch die besondere Lage, Ausgrenzung und Diskriminierung gleich in mehrfacher Weise zu erleben, die Aufgaben, die unseren Alltag prägen.

Auch im sprachlichen Umgang schlägt sich das nieder: Englisch gehört bei allen Hauptamtlichen, zum Teil auch bei Ehrenamtlichen, zum normalen Repertoire der täglichen Verständigung, Mehrsprachigkeit bis zur Verfügbarkeit von fünf Landessprachen zum Repertoire einzelner MitarbeiterInnen. Begleitungen mit Hilfen zur sprachlichen Verständigung in Sprechstunden aller Art und schriftliche Korrespondenzen aus Gründen der sprachlichen Einschränkung erfordern bei uns auch rein quantitativ ein besonderes Zeitbudget.
Selbstverständlich bieten wir auch um Aufklärungsmaterial in allen verfügbaren Sprachen sowie die Kontakte zu geeigneten DolmetscherInnen, wenn unsere „Hauskenntnisse“ nicht mehr ausreichen.

Ausdruck dieses besonderen Profils unserer Einrichtung ist auch die Tatsache, dass zwei dauerhafte Partnerprojekte, eine AIDS-Notambulanz in Burundi und ein Waisenhaus in Südafrika, zu den Empfängern von monatlicher Unterstützung aus unseren Spendensammlungen gehören.

Unterschiedlich stark waren und sind auch in jüngerer Zeit eingewanderte Menschen im Verein aktiv: Vorstandsarbeit, Öffentlichkeitsarbeit, Catering für den Verein, Kinderbetreuung, Präventionsarbeit in Integrationskursen, Aktivitäten in der Selbsthilfearbeit. An Mitarbeit interessierte Menschen mit dem Wissen und der Erfahrung der Einwanderung sind uns besonders willkommen.

Schließlich muss eigentlich kaum erwähnt werden, dass der Alltag einer Einwanderungs-AIDS-Hilfe einige Erfordernisse, aber noch viel mehr bereichernde und unsere Entwicklung fördernde Aspekte bietet. (ml)

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